Relictio decoded: einmal Hölle und zurück

Als Reminiszenz an das Mittelalter finden sich in Relictio einige Begriffe lateinischen und griechischen Ursprungs. Philipps Unendlich-Eck, das „Apeirogon“, zum Beispiel setzt sich aus den griechischen Wörtern „apeiros“ (unendlich) und „gonia“ (Winkel) zusammen, der Name des Planeten Kytheia aus „aletheia“ (Wahrheit) und „nekyia“ (Abstieg in die Totenwelt). In Anlehnung an die „canto“ genannten einhundert Gesänge der Göttlichen Komödie heißen die neun Kapitel des Epos „cantio“, was auf Latein neben „Gesang“ auch „Zauberspruch“ bedeutet. Der Name des Spiels „Relictio“ entstammt ebenfalls dem Lateinischen und kann mit „Zurücklassen“ übersetzt werden, ein Bild, das im Roman öfters auftaucht: Giordano Bruno nimmt hin, dass sein Leib verbrannt wird, vereint seine Seele sich doch auf diese Weise mit dem Quell des Seins, der Anima Mundi; Philipp Smiddlethorp verzichtet aus Wissensdurst auf seine primären körperlichen Bedürfnisse: Ernährung und Schlaf; Daniel Treaghus, seinerseits „Anima Mundi“ der Welt der Argoyl, lässt seine Schöpfung zurück, um sich vom Spiel zu lösen; Ciler Gor lässt seinen Körper auf Furogon zurück, damit seine Seele und sein Bewusstsein sich mit O’it, dem Quell der Macht, vereinen können. Die Vereinigung von „O’it“ und „Ciler“ ergibt, spiegelverkehrt gelesen, „Relictio“.

Figuren und Verweise

Brandon Hippolite, der gnädige (lateinisch: clemens) Literaturlehrer, der am Anfang des Romans mit Hilfe der Hausarbeit das Ende der Schüler einläutet, verdankt seinen Namen Ippolito Aldobrandini, Geburtsname von Papst Clemens VIII, jener Oberhirte aus Rom, der einst Giordano Brunos Urteil unterzeichnete. Passepartout, der junge Sprengmeister aus dem Cantio IV „Vultus Dei“, ist eine Huldigung des piemontesischen Soldaten Pietro Micca, Spitzname Passepartout. Die Schüler Philipp Smiddlethorp und Daniel Treaghus entspringen dem Philosophen Giordano Bruno. Smiddlethorp entdeckt das dreidimensionale Erinnerungsmodell, Treaghus benutzt es für sein Epos. Die beiden Freunde stellen die wissenschaftliche und schriftstellerische Seite des Nolaners dar; sie sind sozusagen Giordano Bruno.

Smiddlethorp, der seinen Nachnamen Loriots Sketch mit Evelyn Hamanns englischer TV-Ansage verdankt, teilt mit Giordano Bruno nicht nur Aussehen und Geburtsnamen (Filippo), sondern stirbt auch am selben Wochentag wie der Ketzer; der 17. Februar 1600 war ein Donnerstag, der Tag des ersten Kapitels ergibt sich durch Rückschluss. Daniel Treaghus‘ Name, im Spielforum dan_t geschrieben, verweist auf Dante Alighieri. In der Göttlichen Komödie begleitet der römische Dichter Vergil die Figur Dante, sozusagen das Avatar des realen Autors, durch neun kreisförmige Ebenen hinab ins eisige Herz der Unterwelt; in Relictio gibt Vergile dem Spieler dan_t die den Höllenkreisen entsprechenden Sünden als Themen für das Epos vor und führt ihn so mit jedem Kapitel/Cantio tiefer in die Hölle.

Hippolites Aufgabenstellung sieht Dante Alighieri und Giordano Bruno als vermeintliche Gegenpole, Ersterer für die katholische Kirche, Zweiterer gegen sie. Bei einem Gespräch mit dem Ordensbruder Alberto Casalboni aus Ravenna, der über Dante Alighieris Leben und Werk doziert und dem ich an dieser Stelle von ganzem Herzen für die dem Projekt Relictio gewidmete Zeit danken möchte, erfahre ich, dass kurz nach Dantes Tod der französische Kardinal Bertrand de Pouget, seinerzeit päpstlicher Legat in Norditalien, den Leichnam des post mortem zum Ketzer erklärten Poeten verbrennen wollte. Das Unterfangen scheiterte an einigen Franziskanermönchen, die Dantes Gebeine rechtzeitig aus dessen Sarg entfernten und in einem Versteck einmauerten. Giordano Bruno und Dante Alighieri – Brüder im Geiste. Wer hätte das gedacht? : )

Höllenkreise und Erinnerungsraum

„Durch mich gelanget zur Stadt der Schmerzen,
durch mich erreichet die ew’ge Qual,
durch mich geh’t hin zum verlor’nen Volke.“
(aus: Die göttliche Komödie, Dante Alighieri)

Die ersten 34 Gesänge von Dante Alighieris Komödie sind den neun Höllenkreisen gewidmet. Je tiefer man in die Unterwelt gelangt, desto größer ist die Schuld der dort zu ewigem Schmerz Verdammten. Es ist wohl der Lebenserfahrung des von den einstigen Gefährten aus Florenz vertriebenen Dante geschuldet, dass in der von ihm beschriebenen Hölle Verrat schwerer wiegt als Mord. Die Zahl Neun erlaubt, jedem Buchstaben des Erinnerungsmodells Giordano Brunos einen Höllenkreis zuzuordnen und so Dantes Inferno im Erinnerungsraum abzubilden. Im Roman geschieht diese Verknüpfung mit Hilfe der Anfangsbuchstaben der Planeten des jeweiligen Gesangs aus Treaghus‘ Epos.

B – Cantio I: Ungetaufte Kinder; Planet: Ba’ak
C – Cantio II: Wollüstige; Planet: Cylos
D – Cantio III: Schlemmer; Planet: Dedaia
E – Cantio IV: Verschwender; Planet: Enmor
F – Cantio V: Träge; Planet: Furogon
G – Cantio VI: Ketzer; Planet: Gàladh
H – Cantio VII: Mörder; Planet: Horoc
I – Cantio VIII: Diebe; Planet: Isiliån
K – Cantio IX: Verräter; Planet: Kytheia

Die Planetennamen zeichnet nicht nur der jeweilige Anfangsbuchstabe aus, sondern auch die Anzahl der Buchstaben, aus denen sie bestehen: Ba’ak (4), Cylos (5), Dedaia (6), Enmor (5), Furogon (7), Gàladh (6), Horoc (5), Isiliån (7), Kytheia (7). Die Summe aller Buchstaben beträgt 52, so wie die Lebensjahre des Giordano Bruno.

Relictio als Kombination seiner Elemente

Das einem syllogistischen Ansatz folgende Erkenntnismodell des Ramon Llull ist eine Konstruktion, die aus übereinander angebrachten und drehbaren, konzentrischen Scheiben unterschiedlichen Durchmessers besteht. Jede dieser Scheiben ist in neun Sektoren mit je einem Begriff unterteilt. Die Begriffe sind so gewählt, dass bei beliebiger Drehung der einzelnen Scheiben die Kombination der übereinander angezeiten Begriffe stets eine wahre Aussage ergibt.

Werden die Buchstaben A bis K der Kapitelüberschriften, die Phasen der Sucht, die Planeten des Epos und die aus den Höllenkreisen abgeleiteten Themenvorgaben des Epos in einem vierscheibigen Modell abgebildet, ergibt sich der Roman Relictio als eine von 6.561 Kombinationen. Jede Kombination erzählt ihre eigene Geschichte.

Aktueller Stand der Wissenschaft ist, dass unser Selbst von unserem Gehirn erzeugt wird und demnach mit dem Tod vergeht. Vielleicht liegt hierin der Glaube begründet an einen ewigen Schöpfergott, eine Anima Mundi, und der Wunsch des Menschen, sein Geist möge nach dem Tod einer ewigen Erinnerung angehören. – Aber das ist eine Geschichte, die im Folgeroman von Relictio erzählt wird.

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Relictio decoded: der Weg der Erinnerung

Es wird gemunkelt, der Roman Relictio beinhalte versteckte, auf Zahlen basierende Codes. Ich habe mich ein wenig mit diesem Werk beschäftigt und kann sagen: Dem ist nicht so. Oder besser: nicht so ganz. Denn da wäre unter anderem das, was ich den “Weg der Erinnerung” nennen würde.

Der Ketzerei für schuldig befunden wird der Philosoph Giordano Bruno aus dem Kerker der Engelsburg in das Gefängnis Tor di Nona verlegt. Neun Tage später geleitet ihn ein Fackelzug von seinem Verließ zum Scheiterhaufen auf dem Marktplatz Campo de‘ Fiori.

Das Gefängnis Tor di Nona lag am Ufer des Tiber, der Engelsburg gegenüber. Gemäß dem Philosophen Anacleto Verrecchia führte Brunos letzter Weg entlang der Via del Banco di Santo Spirito, der Via dei Banchi Vecchi und der Via del Pellegrino. So zumindest die Namen im heutigen Rom. Am 17. Februar 1600 hatte dieser Weg wohl nur einen einzigen Namen: Porticus Maximae. Der Protagonist des Epilogs in Relictio, jener mysteriöse Schüler Brunos, beobachtet, wie der Verurteilte auf die Straße gebracht wird, und begibt sich daraufhin zur Hinrichtungsstätte auf dem Campo de‘ Fiori, jedoch über einen anderen Weg: die Piazza Navona.

Karte der Stadt Rom

Auf den Spuren von Brunos Schüler spaziere ich durch Rom, notiere auf dem Weg von Tor di Nona bis Campo de‘ Fiori Monumente und Straßennamen, und messe Entfernungen mittels meiner Schritte. Um zu erfahren, wie die Straßen im Jahr 1600 hießen, wende ich mich an das Stadtarchiv von Rom. Da finde mal einer in dem Wust von Dokumenten das, was er sucht! Kartenzeichner wurden im 16. Jahrhundert wohl nicht sonderlich fürstlich entlohnt. Jedenfalls taten sie alles andere als Karten zeichnen. Und auf den wenigen vorliegenden Karten sind weniger die Straßen denn die Monumente betitelt. Also entscheide ich mich, eben diese zur Beschreibung des Wegs zu nutzen, den Brunos Schüler an jenem kalten Februarmorgen des Jahres 1600 wählt.

Diese geografischen Eckpunkte finden sich im Epos wieder, leicht erkennbar anhand der Anzahl der Schritte und oftmals mit einer ähnlichen Namensgebung:

  • Vom Stadttor “Porta Flaminia” aus gesehen, lag das Gefängnis Tor di Nona im neunten Turm der mittelalterlichen Befestigungsmauer Roms. 110 Schritte ging der Unbekannte ostwärts den Tiber entlang, bis er auf die Straße traf, die ihn zur südlich gelegenen Piazza Navona brachte. Im Epos hingegen steht der An’mon nach 110 Schritten am Fuße der Wendeltreppe, die den neunten Turm hinaufführt.
  • Die Piazza Navona hieß im 17. Jahrhundert Circus Agonalis, also Rennbahn der Spiele. Im Epos wird daraus die Ebene der Rätsel.
  • 395 Schritte sind es vom Betreten der Piazza Navona bis zur Statue des Pasquino, ein Ort, an dem vor Hunderten von Jahren Spottverse angebracht wurden, mittels derer unliebsame Wahrheiten zutage kamen. Eine Unsitte, auf die die um ihren Ruf bedachten Stadtväter übrigens die Todesstrafe verhängt hatten. Im Epos führt dieselbe Entfernung ins Zentrum des Inneren Tetraeders, von wo aus der An’mon seine Reise der Erkenntnis antritt.
  • Im Palazzo Cancellarie befindet sich die Corte Imperiale, der Gerichtshof der Katholischen Kirche. An dem entsprechenden fiktiven Ort, einem steinernen Wall, wird über das Schicksal Midors beschieden.

Diese Beispiele veranschaulichen, wie das Epos Schritt für Schritt Parallelen zum Geschehen im Epilog von Relictio aufzeigt. Folgende Entfernungen aus dem Epilog finden sich auch in den Gesängen des Epos:

  • 110 Schritte vom Gefängnis Tor di Nona den Tiber entlang (Neunter Turm, Cantio II – In den Katakomben von Iath Rinash’thir)
  • 210 Schritte zur Piazza di Tor Sanguinea (Turm des Bluts, Cantio IV – Vultus Dei)
  • 120 Schritte zur Piazza Navona/Circus Agonalis (Ebene der Rätsel, Cantio V – Das Rätsel)
  • 395 Schritte zur Piazza Pasquino/Statua di Pasquino (Mittelpunkt des Inneren Tetraeders, Cantio V – Das Rätsel)
  • 205 Schritte zum Palazzo Cancellarie/Corte Imperiale (Steinerner Wall, Cantio VII – An den Klippen von Diems End)
  • 90 Schritte zum Campo de‘ Fiori (Blumenmeer, Cantio VII – An den Klippen von Diems End)
  • 130 Schritte zum Teatro Pompeii/Scheiterhaufen (Pantheon, Cantio IX – Das Weltentor)

Wer möchte, kann bei seinem nächsten Aufenthalt in Rom den Weg gerne abschreiten. Im Verhältnis sollte ein jeder Wanderer eine übereinstimmende Anzahl von Schritten zählen. Nur die ersten 110 Schritte müssen als vorgegeben akzeptiert werden, denn niemand kennt den genauen Punkt, von dem aus Brunos Schüler zu Beginn des Epilogs das Gefängnis beobachtete. Obwohl 110 Schritt bedeutet, dass der Unbekannte weit abseits des Gefängisses stand, wählte ich diese Entfernung, denn so ergibt sich als Summe aller Schritte bis zum Scheiterhaufen die Zahl 1260.

1260° ist die Summe der Innenwinkel eines Nonagons/Neuneck, jene geometrische Grundfigur des Erkenntnismodells Ramon Llulls, aus der Giordano Bruno das quadratische Erinnerungsmodell abgeleitet hat.

Relictio decoded: Spiel der Dimensionen

Wie ein Schwamm ist Relictio getränkt mit Gedanken aus der Antike. Die griechischen Philosophen waren von der Perfektion der Geometrie so fasziniert, dass sie sie als Widerspiegelung universeller, göttlicher Strukturen ansahen. Die Gelehrten der frühen Renaissance, deren Wissen auf den Schriften des Mittelalters und der Antike fußte, sahen die Rolle der Geometrie kaum anders; Johannes Kepler maß seiner Feststellung, die Entfernung der Planeten zur Sonne stehe in Zusammenhang mit den Formen platonischer Körper, größere Bedeutung zu als seinen Erkenntnissen über die Bewegung der Planeten: ihrer ellipsenförmigen Bahn und der von der Entfernung zur Sonne abhängigen Geschwindigkeit.

Es ist also nur konsequent, in einem Roman über die Lehre Giordano Brunos der Geometrie eine grundsätzliche Bedeutung beizumessen. Die in der Antike erlebte Faszination, aus geometrischen Eigenschaften auf Wirklichkeit und Wahrheit zu schließen, ist Philipp Smiddlethorpes Motivation, Brunos Gedanken wortwörtlich in eine neue Dimension weiterzuentwickeln. Daniel Treaghus wiederum benutzt Philipps Erkenntnisse im Epos, womit die Geometrie in die Welt der Argoyl fließt.

Dimensionen und Welten

Relictio handelt von der Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung; es ist ein Spiel der Dimensionen, mit verschiedenen Seins- und Komplexitätsebenen.

„Der Vorsatz, der ihn leitete, war nicht unmöglich, wenn auch übernatürlich. Er wollte einen Menschen erträumen; er wollte ihn bis in die kleinste Einzelheit erträumen und ihn der Wirklichkeit aufzwingen.“
(aus: Die kreisförmigen Ruinen, Jorge Luis Borges)

In der Kurzgeschichte „Die kreisförmigen Ruinen“ von Jorge Luis Borges erkennt ein Magier, Schöpfer eines seiner Imagination entspringenden Wesens, selbst eine ebensolche Schöpfung zu sein. In dem Text bewegt sich Borges in nur einer Welt; der Magier erträumt sich sozusagen seinen Nächsten. Der Schluss liegt nah, dass auch der Erschaffer des Magiers derselben Welt angehört: Ein ungenannter Hexer, der sich seinesgleichen erträumt.

Ein Traum, oder eine Illusion, kann derselben Dimension angehören, der er entspringt (z.B. „Die kreisförmigen Ruinen“ von Jorge Luis Borges), oder in einer untergeordneten angesiedelt sein (z.B. „Simulacron-3“ von Daniel Francis Galouye). Die im Roman Relictio verbundenen drei Welten sind auf beiden Ebenen angeordnet:

Die virtuelle Welt des Forums gehört aufrund derselben Zeitmessung der Dimension der realen an, während die in sich abgeschlossene, fiktive Welt des Epos ihnen untergeordnet ist. Die sich in Daniel Treaghus‘ Kopf abspielende Vereinigung Ciler Gors mit O’it vollendet den sich gegenseitig beeinflussenden Aufbau der drei Welten.

Befindet sich Treaghus, nach eigenem Ermessen, in der dritten Dimension, liegt die Welt der Argoyl in der nächstniedrigeren Dimension. Zum Aufspannen eines vierdimensionalen Raums bedarf es der zusätzlichen Zeitachse. In Anspielung auf die zentrale Bedeutung der Zeit für die Existenz der vierten Dimension ist der im Mittelpunkt der Welt liegende Planet Furogon einer Sanduhr nachempfunden. Zeit ist dort relativ, der Weg vom Rand des inneren Tetraeders hin zum Mittelpunkt Furogons und zurück genau ein Leben lang.

Von der Endlichkeit der Welt

Der Mensch kann einen vieldimensionalen Raum berechnen, ihn sich aber nicht vorstellen. Seine Vorstellungskraft ist begrenzt, die von ihm erschaffene, fiktive Welt somit endlich.  Dem Geist des Menschen sind Grenzen gesetzt, so wie der Evolution, der der Mensch entspringt und deren kreatives Schaffen universell gültigen Gesetzen unterliegt. Das Element „Mensch“ erbt sozusagen Fähigkeiten und Grenzen des übergeordneten, komplexeren Systems „Natur“. Ebene um Ebene, Dimension um Dimension aufwärts schreitend nehmen die Grenzen ab und die Komplexität zu, bis hin zur obersten: Giordano Brunos Ursprung allen Seins – das Eine.

„Das unendlich Kreative schafft Unendliches, das endlich Kreative Endliches. Ein Universum, das einen Mittelpunkt hat, ist endlich und somit geschaffen von Menschenhand. Diesen Beweis hat Giordano Bruno geführt und hierfür ist er hingerichtet worden, von einer Handvoll alter Männer, deren Grundfeste seine Lehre erschütterte.“
(aus: Relictio)

 

Punkt vor Strich

Philipp Smiddlethorp stellt die Ordnung und reziproke Beziehung der Dimensionen anhand geometrischer Simplizes dar:

0. Dimension
0-Simplex
Punkt

1. Dimension
1-Simplex
Strecke

2. Dimension
2-Simplex
Dreieck

3. Dimension
3-Simplex
Tetraeder

4. Dimension
4-Simplex
Pentachoron

 

 

 

 

Kann die simpelste geometrische Figur den höchsten Komplexitätsgrad haben? Gemäß Giordano Bruno birgt „das Eine“ das Potential, die Unendlichkeit mit beliebig geformter Materie zu füllen. Selbiges trifft auf den Punkt zu: Er besitzt das Potential, jede beliebige geometrische Figur zu erzeugen, und hat so gesehen die größtmögliche Komplexität.

Smiddlethorps Logik folgend befindet sich der jeweilige Schöpfer einer Welt in der nächstübergeordneten Dimension. Befindet Smiddlethorp sich in einem dreidimensionalen Raum, muss es über ihm theoretisch drei Schöpfer geben: einen in der zweidimensionalen Fläche, einen auf der eindimensionalen Linie und einen im nulldimensionalen Punkt. Der Roman Relictio bedient sich Giordano Brunos namenlosen Schülers aus dem Epilog, um Smiddlethorps Ansatz generelle Gültigkeit zu verleihen:

  • das 4-Simplex stellt die Welt der Argoyl im Epos dar,
  • das 3-Simplex die Welt des Daniel Treaghus und des Philipp Smiddlethorp,
  • das 2-Simplex die Welt des namenlosen Schülers aus dem Epilog,
  • das 1-Simplex die Welt des Autoren des Romans Relictio,
  • das 0-Simplex den Ursprung, das Eine.

Das dreidimensionale Erinnerungsmodell des Philipp Smiddlethorp

Das Erinnerungsmodell des Giordano Bruno besteht aus 9 Buchstaben, die auf einer quadratischen Fläche angeordnet sind. Smiddlethorp überführt es in ein dreidimensionales Modell, indem er ein 3-Simplex (Buchstaben A-D) mit seinem dualen Selbst (Buchstaben F-I) und dem Mittelpunkt (Buchstabe K) der beiden Körper kombiniert. Dasselbe Ergebnis wird erzielt, wenn ein 4-Simplex (Buchstaben F-K) an die Stelle des dualen Selbst gesetzt wird.

Die Mittelpunkte des inneren und des äußeren Tetraeders befinden sich an denselben Raumkoordinaten. Deswegen befindet sich exakt dort, im Mittelpunkt K, der Planet Furogon mit dem Vultus Dei, dem Tor zum Schöpfer, wo Gerol die sterblichen Überreste Ciler Gors findet.

Smiddletorps Lösung hat einige interessante Eigenschaften:

  • der Tetraeder ist der einzige geometrische Körper mit einem dualen Selbst, was dem Modell die von Smiddlethorp geforderte Einzigartigkeit verleiht;
  • die Kombination von 3-Simplex und 4-Simplex veranschaulicht das Verhältnis zwischen Treaghus und der in der nächstunteren Dimension gelegenen Welt der Argoyl;
  • das duale Selbst – und somit die Welt der Argoyl – ist ein endlicher Raum, eine Wahrheit, die Selwyc anhand des Vultus Dei erkennt;
  • das duale Selbst liegt gespiegelt im Tetraeder, weswegen die Inschrift „Relictio“ des Vultus Dei ebenfalls gespiegelt ist;
  • der Mittelpunkt führt den Buchstaben K, dem im Roman das Kapitel „Metamorphose“ gewidmet ist, eine Umwandlung, die auch Ciler Gor und Treaghus widerfährt.

Die Bibliothek, aus der Smiddlethorp die Bücher entleiht, ist Giordano Brunos Zeichnung des Erinnerungsmodells nachempfunden: Sie hat acht im Quadrat stehende Pfeiler und wie das Pantheon in Rom eine zentrale Öffnung in der Decke, durch die das Licht einfällt und den Raum erhellt (8+1=9). Smiddlethorpes knarzende Schritte in der Bibliothek verstummen in dem Moment, als er – wie die anderen Besucher dieses Ortes – die in den von ihm gelesenen Büchern festgehaltene Wahrheit verinnerlicht und in Harmonie mit diesem Ort tritt.

Relictio decoded: Aufbau

Am Anfang war das Spiel

Des Öfteren ist es beim Spielen nützlich, nicht den absoluten, sondern den relativen Vorteil zu suchen. Dies kann destruktive Spielzüge attraktiv machen, frei nach dem Motto: Du wirst angegriffen? Wunderbar! Mach dich aus dem Staub und schau, dass der andere beim Hinterherlaufen mehr verliert als du. Wenn alles klappt, wird er sauer, greift dich nochmal an und verliert noch mehr. : )

November 2005. Ich werde eingeladen, am Online-Spiel Ogame teilzunehmen. Planeten, Bergwerke, Rohstoffe, Abwehranlagen, Raumschiffe, eine Vielzahl ungleich stärkerer Gegner. Die effizienteste Strategie ist schnell klar: Angreifen wie ein Stier und die eigenen Kühe nicht von anderen melken lassen. Das Problem: Es gibt keine Pausen, man muss eigentlich durchgehend spielen, Tag und Nacht.

Es dauert keine 24 Stunden und ein paar destruktive Spielzüge meinerseits, angereichert mit einer üppigen Dosis Sarkasmus, werden zum meistgelesenen Thread im Spielforum. Die im Roman „Relictio“ beschriebenen Erlebnisse des Schülers Daniel Treaghus – der Krieg gegen die größte Allianz des Spiels, die Reaktionen im Forum, die Spielzüge, das Epos über die Suche nach dem steinernen Antlitz – beruhen auf wahren Begebenheiten.

Zwei Wochen lang – derselbe Zeitraum wie im Roman – bleibt der Thread mit den seltsamen Kriegsberichten wie am oberen Browserrand angetackert auf Platz #1 des Forums. Hunderte Spieler lesen, schreiben, amüsieren und zoffen sich, während ich mich leicht übermüdet darauf konzentriere, im Spiel keine Niederlagen einzufahren und meine Siege in eine halbwegs zusammenhängende, phantastische Geschichte über die Suche nach einem göttlichen Stein zu kleiden. Mit Veröffentlichung des letzten Kapitels verschenke ich meinen Account. Der Thread verschwindet nach und nach in den Tiefen der Festplatte des Forum-Servers. Es bleibt allein die Erinnerung.

Handlung im Erinnerungsraum

2011 beginne ich mit der Recherche zu „Relictio“, ein Werk über Schöpfer und Schöpfung, thematisch ein würdiger Nachfolger des Romans „Das Amarna-Grab“ und dem darin aufgegriffenen Thema Religion. Während das Amarna-Grab zur Zeit Echnatons und Jesu Christi spielt, treffen in Relictio frühe Renaissance und spätes Mittelalter in Form der Gedanken und Werke des Philosophen Giordano Bruno und des Poeten Dante Alighieri aufeinander.

Erkenntnismodell von Ramon Llull, aus: Ars Magna

Der Zahl Neun kommt bei Aufbau und Inhalt des Romans eine besondere Bedeutung zu. Neun sind die Höllenkreise in Dantes Göttlicher Komödie, neun die Kreissektoren mit den Grundtugenden in Ramon Llulls Erkenntnismodell aus der „Ars Magna“, neun die Buchstaben in Giordano Brunos Erinnerungsmodell aus der „Ars Memoriae“. Ich beschließe, die Handlung des Epos über das steinerne Antlitz im Roman zu verwenden und es in neun Kapitel zu gliedern, anhand derer der nichtsahnende Treaghus Kreis um Kreis tiefer in Dantes zunehmend frostigere Hölle hinabsteigt.

Erinnerungsmodell von Giordano Bruno, aus: Ars Memoriae

Treaghus‘ Niedergang, wie auch der seines Freundes Philipp Smiddlethorp, ist nicht spiritueller, sondern körperlicher Natur: Mangel an Schlaf kann Wahnvorstellungen hervorrufen. Wie Giordano Bruno in seinem Werk „De Vinculis in Genere“ schreibt, erschafft der Mensch sich die eigene Hölle. – Immerwährende Qualen als eine Art unbeabsichtigter Schöpfungsakt. : )

Die Zeilen des Nolaners über die Hölle schickt mir Dr. Manuel Mertens vom Zentrum für Wissenschaftsgeschichte der Universität Gent bei einem Schriftwechsel, für den ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanke. Die Übersetzung des Auszugs aus „De Vinculis in Genere“ findet sich gegen Ende des Romans im Abschnitt „Das Pergament“.

In Einklang mit Brunos Erinnerungsmodell ist der Roman Relictio in neun Kapitel unterteilt, denen jeweils ein Buchstabe von B bis K zugeordnet ist. Im Rückschluss bedeutet die Verwendung der Buchstaben, dass die gesamte Handlung des Romans in einem Erinnerungsraum stattfindet und selbst eine Erinnerung ist.

Um wessen Erinnerungen handelt es sich? – Neben den Buchstaben B bis K bedient sich der Aufbau des Romans des Buchstaben A. Diesen Buchstaben setzt Ramon Llull in den Mittelpunkt seines Erkenntnismodells als Symbol für „den Schöpfer“. Die Verwendung des Buchstaben A zur Kennzeichnung des Epilogs Relictios ist ein Hinweis, dass der dortige Protagonist, jener namenlose Schüler des Giordano Bruno, der in Rom der Hinrichtung seines Meisters beiwohnt, der Ursprung der Geschichte von Daniel Treaghus und Philipp Smiddlethorp ist. Für den Leser von Relictio ist diese Information zugegebenermaßen wenig gewichtig, relevant wird sie hingegen als Schnittstelle zu einem anderen Roman.

Sucht als Handlungsmotivation

Giordano Brunos Ars Memoriae lehrt, Erinnerungen innerhalb von immaginären Szenen zu kodifizieren. Informationen können so in fiktiven Gesprächen, Bildern und Handlungsabläufen im Gedächtnis gespeichert und leicht wieder abgerufen werden. Es verwundert kaum, dass der Nolaner, Meister in der Kunst der Erinnerung, einige seiner Bücher als Ansammlung von Szenen verfasst hat, in denen Figuren miteinander debattieren.

Auch innerhalb des Erinnerungsmodells Relictio haben die Figuren die Funktion, Informationen zu kodifizieren. Die gegenüber eigenen körperlichen Bedürfnissen unbarmherzige, zielgerichtete Vorgehensweise der beiden Freunde Daniel Treaghus und Philipp Smiddlethorp – der eine bei der Suche nach Wahrheit, der andere beim Spiel Relictio – nimmt hierbei Züge einer Sucht an: Beide verlieren die Kontrolle über eine Situation, die sie komplett einnimmt und zu deren Fortbestehen sie trotz selbstzerstörerischer Auswirkungen aktiv beitragen.

Die Kapitelüberschriften in deutscher und lateinischer Sprache sind von mir  festgelegten Phasen der Sucht gewidmet, die gleichsam den Pfad der Erkenntnis von Giordano Brunos namenlosen Schüler aus dem Epilog markieren:

Erinnerungsmodell als Romanaufbau, aus: Relictio

B – Suche – Quaestio
C – Kameradschaft – Commilitium
D – Schöpfung – Creatio
E – Ruhm – Gloria
F – Abhängigkeit – Obsequium
G – Leugnung – Negatio
H – Leid – Dolor
I – Errettung – Salvatio
K – Verwandlung – Metamorphosis

Relictio decoded: der letzte Ketzer

jnbookrix2015

Wir schreiben das 16. Jahrhundert. Europa brennt. Die Macht der römischen Kirche zerbricht Stück für Stück an den vielerorts aufkeimenden reformatorischen Gedanken. Wie eine verwundete Bestie beißt sie um sich, denunziert, foltert, mordet im Widerschein eines in Flammen stehenden Kreuzes, rottet Andersartige und Andersdenkende aus, um ihre auf Qualen fußende Lehre von Liebe und Vergebung mit all den für den Klerus vorteilhaften Herleitungen rein zu halten. Die Lektüre einer Vielzahl philosophischer Werke der Antike und des Mittelalters ist verboten. Wer der kirchlichen Lehre widersprechende Gedanken äußert, wird an die heilige Inquisition übergeben und der Ketzerei angeklagt.

Bei weniger schwerwiegenden Anklagen, wie im Fall des Gelehrten Galileo Galilei, kann der Inhaftierte vorgeben, seinen Worten und Gedanken abzuschwören, und so dem Kerker entfliehen. Wem die Hinrichtung indes sicher ist, hilft solch opportunistisches Verhalten kaum; durch das Abschwören kann er mit den wohlgekleideten Richtern einzig einen kurzen, schmerzlosen Tod aushandeln.

Giordano Bruno, 1548 nahe Neapel im Örtchen Nola geboren, ein scharfzüngiger, der Göttin des Wissens Minerva verfallener und wegen Mordes gesuchter Mönch, schert sich nicht um Verbote. Sein Wesen giert nach den philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften, die von der Antike bis zu jener, seiner Gegenwart des wiedergeborenen Geistes reichen, der Renaissance. Brunos Überzeugung nach und entgegen der damaligen Lehre der Kirche hat das Universum unendliche Ausmaße und somit keinen Mittelpunkt. Mit Hilfe der Logik will er die Wahrheit über das Universum ergründen, die hinter allem Messbaren liegt: der Quell der Schöpfung. – Gott.

Um das Wissen in all seinen Einzelheiten im Gedächtnis zu speichern, entwickelt und perfektioniert Giordano Bruno eine Kunst der Erinnerung, die Ars Memoriae. Seine Fähigkeit, den Inhalt einer Vielzahl bekannter Schriften wortgenau wiederzugeben, begründet einen Ruf, der Bruno in seinem Leben, das Flucht und Suche zugleich ist, Gast am Hof des Adels und Dozent an Universitäten werden lässt.

Schließlich wird Giordano Bruno in Venedig verraten und verbringt die folgenden acht Jahre in den Kerkern der heiligen Inquisition. Bei den wenigen, von den Richtern in diesem langen Zeitraum angesetzten Prozesstagen stellt er wiederholt das oberflächliche Wissen seiner Ankläger bloß. In der Dunkelheit der Gemäuer der Engelsburg verliert er sein Augenlicht. Seiner Geliebten, Minerva, bleibt er in all den Jahren treu und schwört trotz des Drängens der Richter nicht von seinem Glauben ab. Am Tag der Urteilsverkündung entgegnet er ihnen: „Wohl zittert ihr, da ihr das Urteil über mich sprecht, mehr als ich, der es vernimmt“.

Giordano Bruno wird der Ketzerei für schuldig befunden, der Stadt Rom übergeben und am Morgen des 17. Februar 1600 zu frühester Stunde bei lebendigem Leib auf dem Campo de‘ Fiori in Rom verbrannt. Möglichst wenige Menschen sollen der Hinrichtung beiwohnen und den Verurteilten sehen; die Arme ausgerenkt, das Fleisch an mancher Stelle bis auf die Knochen abgeschabt. Eine hölzerne Maulklammer soll verhindern, dass Bruno ein weiteres Mal dem Herrn lästert. Ungläubig werden die Anwesenden Zeugen, dass kein einziger Laut über die Lippen des verhassten Ketzers kommt, während die Flammen hochschlagen und seinen nackten, von der Folter geschundenen Körper verzehren. – Der Philosoph aus Nola wird der letzte bei lebendigem Leib verbrannte Ketzer sein.

Seitdem ich mich im Rahmen des Romans Relictio mit dem Leben und der Lehre des Nolaners Giordano Bruno beschäftigt habe, ist der 17. Februar für mich ein Tag der Einkehr. Es wäre sicherlich ein fragwürdiges Gebaren, im Andenken an einen auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Ketzer eine Kerze aufzustellen. Ich belasse es bei der Erinnerung an seine Schriften und Gedanken über Metaphysik und Logik.

Der naturphilosophische Ansatz Giordano Brunos, Gott – sprich der Ursprung allen Seins oder das Eine, wie Bruno ihn nennt – sei in jedem Teil der Schöpfung präsent, klingt selbst für Atheisten nachvollziehbar, ersetzt man Gott oder das Eine schlicht mit dem Begriff Energie.

Unter Wissenschaftlern besteht heutzutage größtenteils Konsens darüber, das Universum sei mittels eines Urknalls entstanden. Aber wurde es erschaffen? Ich bin nicht ungeneigt, der altertümlich anmutenden Wortwahl zuzustimmen, denn die Entstehung und Entwicklung des Universums unterliegt universellen physikalischen Regeln, die bereits im Moment des Urknalls bestand haben und dem Universum eine sonst wie geartete Form und Struktur vorgeben.

Noch nachvollziehbar wird dieser Gedanke anhand der Theorie des Quantum Bounce: Das Universum dehnt sich zunächst aus, zieht sich dann wieder zusammen, komprimiert alle Materie in einem Punkt, um dann, ab einer maximalen Dichte, wieder auseinanderzustreben. Diese Theorie eines sich stetig wiederholenden Urknalls impliziert, dass die physikalischen Regeln, denen sowohl das vergangene als auch das neue Universum unterliegen, unverändert bleiben. Ein aus einem Ursprung oder dem Einen entstehendes Universum wird also nach dessen Vorgaben geformt. Nichts anderes sagt Giordano Bruno über die Formgebung der Materie.

Liest man Giordano Brunos Werk De l’infinito universo et mondi (Über das Unendliche, das Universum und die Welten) findet man eine einfache Frage, auf die Urknall und Quantum Bounce nicht zu antworten wissen: Wo befindet sich unser Universum? – Aus diesem einfachen Gedanken leitet Giordano Bruno die Notwendigkeit eines unendlichen Raums ab, der das Potential hat, mit Materie gefüllt zu werden, denn unser Universum kann sich schwerlich im Nichts befinden.

In Relictio werden Aussagen des Philosophen aus Nola in verschiedenster Weise aufgegriffen. Die auf der Zahl Neun basierte Kapitelstruktur des Romans zum Beispiel folgt einem Zusammenspiel aus Dante Alighieris Inferno und Giordano Brunos Ars Memoriae. Ein Protagonist des Romans wiederum fügt den räumlichen Überlegungen des Nolaners die Zeitkomponente hinzu: Was war vor der Entstehung des Universums? – Er findet eine ihn befriedigende Lösung, in dem er jenem Abschnitt des Zahlenstrahls zwischen minus Unendlich und dem ersten Urknall eine Variable zuordnet und diese unbekannte mathematische Größe Gott nennt.

Wir schreiben das 20. Jahrhundert. Europa glimmt. Kulturen zerfließen und vermengen sich. Im kalten Antlitz eines verkohlten Kreuzes werden Andersartige und Andersdenkende gemobbt und eine zweifelhafte Vergangenheit idealisiert, in der selbst ein des Abschlachtens Tausender Protestanten verantwortlicher Bischof zum Papst gemacht und nach seinem Tod heiliggesprochen wurde. Ein Teil der Kirche, in der ich viele Jahre zuvor zu dröhnenden Orgelklängen vor leeren Bänken ministriert habe, ist heute eine Jugendbibliothek. Betrete ich sie, überkommt mich manchmal ein Gefühl der Melancholie. Am 17. Februar aber erscheint mir alles in einem anderen, hell auflodernden Licht der Vorhersehung: „Wohl zittert ihr, da ihr das Urteil über mich sprecht, mehr als ich, der es vernimmt.“

 

Zum 417. Todestag von Giordano Bruno

Sie war das Licht, dem der italienische Philosoph Giordano Bruno folgte, die Liebe seines Lebens, der er mit Haut und Haaren verfallen war: Minerva, die Göttin des Wissens. Niemals wollte er die Liebe verraten, die sie verband. Er sollte sein Wort halten.

Giordano Bruno, Philosoph (1548-1600)

Giordano Bruno, Philosoph (1548-1600)

Giordano Bruno stammte aus Nola, einem kleinen Ort in der Nähe von Neapel. Seine rastlose Reise führte ihn durch das dunkle Europa des 16. Jahrhunderts, einem Kontinent, dessen Glaube zerbarst in einem Zeitalter der Kriege, der Inquisition, der Ausrottung Andersartiger und Andersdenkender. Bruno war Gast am Hof des Adels und Dozent an Universitäten; ein Leben, das Flucht und Suche zugleich war. Nachdem er in Venedig verraten worden war, verbrachte er acht Jahre in den Kerkern der heiligen Inquisition, schwor seinem Glauben nicht ab und wurde am Morgen des 17. Februar 1600 auf dem Campo de‘ Fiori in Rom bei lebendigem Leben verbrannt.

Bei der Hinrichtung trug er eine Mundfessel, weil er im Kerker außer sich vor Wut dem Herrn gelästert hatte; kein Laut aber kam über seine Lippen, als die Flammen hochschlugen und seinen nackten, von der Folter geschundenen Körper verzehrten.

Im Gedenken an einen unbequemen Menschen, der im wahsten Sinne des Wortes zu Licht wurde, ein Triple-Drabble über Liebe und Licht.