Relictio decoded: der Weg der Erinnerung

Es wird gemunkelt, der Roman Relictio beinhalte versteckte, auf Zahlen basierende Codes. Ich habe mich ein wenig mit diesem Werk beschäftigt und kann sagen: Dem ist nicht so. Oder besser: nicht so ganz. Denn da wäre unter anderem das, was ich den “Weg der Erinnerung” nennen würde.

Der Ketzerei für schuldig befunden wird der Philosoph Giordano Bruno aus dem Kerker der Engelsburg in das Gefängnis Tor di Nona verlegt. Neun Tage später geleitet ihn ein Fackelzug von seinem Verließ zum Scheiterhaufen auf dem Marktplatz Campo de‘ Fiori.

Das Gefängnis Tor di Nona lag am Ufer des Tiber, der Engelsburg gegenüber. Gemäß dem Philosophen Anacleto Verrecchia führte Brunos letzter Weg entlang der Via del Banco di Santo Spirito, der Via dei Banchi Vecchi und der Via del Pellegrino. So zumindest die Namen im heutigen Rom. Am 17. Februar 1600 hatte dieser Weg wohl nur einen einzigen Namen: Porticus Maximae. Der Protagonist des Epilogs in Relictio, jener mysteriöse Schüler Brunos, beobachtet, wie der Verurteilte auf die Straße gebracht wird, und begibt sich daraufhin zur Hinrichtungsstätte auf dem Campo de‘ Fiori, jedoch über einen anderen Weg: die Piazza Navona.

Karte der Stadt Rom

Auf den Spuren von Brunos Schüler spaziere ich durch Rom, notiere auf dem Weg von Tor di Nona bis Campo de‘ Fiori Monumente und Straßennamen, und messe Entfernungen mittels meiner Schritte. Um zu erfahren, wie die Straßen im Jahr 1600 hießen, wende ich mich an das Stadtarchiv von Rom. Da finde mal einer in dem Wust von Dokumenten das, was er sucht! Kartenzeichner wurden im 16. Jahrhundert wohl nicht fürstlich entlohnt und taten alles andere als Karten zeichnen. Auf den wenigen vorliegenden Karten sind weniger die Straßen denn die Monumente betitelt. Also entscheide ich mich, eben diese zur Beschreibung des Wegs zu nutzen, den Brunos Schüler an jenem kalten Februarmorgen des Jahres 1600 wählt.

Diese geografischen Eckpunkte finden sich im Epos wieder, leicht erkennbar anhand der Anzahl der Schritte und oftmals mit einer ähnlichen Namensgebung:

  • Vom Stadttor “Porta Flaminia” aus gesehen, lag das Gefängnis Tor di Nona im neunten Turm der mittelalterlichen Befestigungsmauer Roms. 110 Schritte ging der Unbekannte ostwärts den Tiber entlang, bis er auf die Straße traf, die ihn zur südlich gelegenen Piazza Navona brachte. Im Epos hingegen steht der An’mon nach 110 Schritten am Fuße der Wendeltreppe, die den neunten Turm hinaufführt.
  • Die Piazza Navona hieß im 17. Jahrhundert Circus Agonalis, also Rennbahn der Spiele. Im Epos wird daraus die Ebene der Rätsel.
  • 395 Schritte sind es vom Betreten der Piazza Navona bis zur Statue des Pasquino, ein Ort, an dem vor Hunderten von Jahren Spottverse angebracht wurden, mittels derer unliebsame Wahrheiten zutage kamen. Eine Unsitte, auf die die um ihren Ruf bedachten Stadtväter übrigens die Todesstrafe verhängt hatten. Im Epos führt dieselbe Entfernung ins Zentrum des Inneren Tetraeders, von wo aus der An’mon seine Reise der Erkenntnis antritt.
  • Im Palazzo Cancellarie befindet sich die Corte Imperiale, der Gerichtshof der Katholischen Kirche. An dem entsprechenden fiktiven Ort, einem steinernen Wall, wird über das Schicksal Midors beschieden.

Diese Beispiele veranschaulichen, wie das Epos Schritt für Schritt Parallelen zum Geschehen im Epilog von Relictio aufzeigt. Folgende Entfernungen aus dem Epilog finden sich auch in den Gesängen des Epos:

  • 110 Schritte vom Gefängnis Tor di Nona den Tiber entlang (Neunter Turm, Cantio II – In den Katakomben von Iath Rinash’thir)
  • 210 Schritte zur Piazza di Tor Sanguinea (Turm des Bluts, Cantio IV – Vultus Dei)
  • 120 Schritte zur Piazza Navona/Circus Agonalis (Ebene der Rätsel, Cantio V – Das Rätsel)
  • 395 Schritte zur Piazza Pasquino/Statua di Pasquino (Mittelpunkt des Inneren Tetraeders, Cantio V – Das Rätsel)
  • 205 Schritte zum Palazzo Cancellarie/Corte Imperiale (Steinerner Wall, Cantio VII – An den Klippen von Diems End)
  • 90 Schritte zum Campo de‘ Fiori (Blumenmeer, Cantio VII – An den Klippen von Diems End)
  • 130 Schritte zum Teatro Pompeii/Scheiterhaufen (Pantheon, Cantio IX – Das Weltentor)

Wer möchte, kann bei seinem nächsten Aufenthalt in Rom den Weg gerne abschreiten. Im Verhältnis sollte ein jeder Wanderer eine übereinstimmende Anzahl von Schritten zählen. Nur die ersten 110 Schritte müssen als vorgegeben akzeptiert werden, denn niemand kennt den genauen Punkt, von dem aus Brunos Schüler zu Beginn des Epilogs das Gefängnis beobachtete. Obwohl 110 Schritt bedeutet, dass der Unbekannte weit abseits des Gefängisses stand, wählte ich diese Entfernung, denn so ergibt sich als Summe aller Schritte bis zum Scheiterhaufen die Zahl 1260.

1260° ist die Summe der Innenwinkel eines Nonagons/Neuneck, jene geometrische Grundfigur des Erkenntnismodells Ramon Llulls, aus der Giordano Bruno das quadratische Erinnerungsmodell abgeleitet hat.

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