Relictio decoded: der letzte Ketzer

jnbookrix2015

Wir schreiben das 16. Jahrhundert. Europa brennt. Die Macht der römischen Kirche zerbricht Stück für Stück an den vielerorts aufkeimenden reformatorischen Gedanken. Wie eine verwundete Bestie beißt sie um sich, denunziert, foltert, mordet im Widerschein eines in Flammen stehenden Kreuzes, rottet Andersartige und Andersdenkende aus, um ihre auf Qualen fußende Lehre von Liebe und Vergebung mit all den für den Klerus vorteilhaften Herleitungen rein zu halten. Die Lektüre einer Vielzahl philosophischer Werke der Antike und des Mittelalters ist verboten. Wer der kirchlichen Lehre widersprechende Gedanken äußert, wird an die heilige Inquisition übergeben und der Ketzerei angeklagt.

Bei weniger schwerwiegenden Anklagen, wie im Fall des Gelehrten Galileo Galilei, kann der Inhaftierte vorgeben, seinen Worten und Gedanken abzuschwören, und so dem Kerker entfliehen. Wem die Hinrichtung indes sicher ist, hilft solch opportunistisches Verhalten kaum; durch das Abschwören kann er mit den wohlgekleideten Richtern einzig einen kurzen, schmerzlosen Tod aushandeln.

Giordano Bruno, 1548 nahe Neapel im Örtchen Nola geboren, ein scharfzüngiger, der Göttin des Wissens Minerva verfallener und wegen Mordes gesuchter Mönch, schert sich nicht um Verbote. Sein Wesen giert nach den philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften, die von der Antike bis zu jener, seiner Gegenwart des wiedergeborenen Geistes reichen, der Renaissance. Brunos Überzeugung nach und entgegen der damaligen Lehre der Kirche hat das Universum unendliche Ausmaße und somit keinen Mittelpunkt. Mit Hilfe der Logik will er die Wahrheit über das Universum ergründen, die hinter allem Messbaren liegt: der Quell der Schöpfung. – Gott.

Um das Wissen in all seinen Einzelheiten im Gedächtnis zu speichern, entwickelt und perfektioniert Giordano Bruno eine Kunst der Erinnerung, die Ars Memoriae. Seine Fähigkeit, den Inhalt einer Vielzahl bekannter Schriften wortgenau wiederzugeben, begründet einen Ruf, der Bruno in seinem Leben, das Flucht und Suche zugleich ist, Gast am Hof des Adels und Dozent an Universitäten werden lässt.

Schließlich wird Giordano Bruno in Venedig verraten und verbringt die folgenden acht Jahre in den Kerkern der heiligen Inquisition. Bei den wenigen, von den Richtern in diesem langen Zeitraum angesetzten Prozesstagen stellt er wiederholt das oberflächliche Wissen seiner Ankläger bloß. In der Dunkelheit der Gemäuer der Engelsburg verliert er sein Augenlicht. Seiner Geliebten, Minerva, bleibt er in all den Jahren treu und schwört trotz des Drängens der Richter nicht von seinem Glauben ab. Am Tag der Urteilsverkündung entgegnet er ihnen: „Wohl zittert ihr, da ihr das Urteil über mich sprecht, mehr als ich, der es vernimmt“.

Giordano Bruno wird der Ketzerei für schuldig befunden, der Stadt Rom übergeben und am Morgen des 17. Februar 1600 zu frühester Stunde bei lebendigem Leib auf dem Campo de‘ Fiori in Rom verbrannt. Möglichst wenige Menschen sollen der Hinrichtung beiwohnen und den Verurteilten sehen; die Arme ausgerenkt, das Fleisch an mancher Stelle bis auf die Knochen abgeschabt. Eine hölzerne Maulklammer soll verhindern, dass Bruno ein weiteres Mal dem Herrn lästert. Ungläubig werden die Anwesenden Zeugen, dass kein einziger Laut über die Lippen des verhassten Ketzers kommt, während die Flammen hochschlagen und seinen nackten, von der Folter geschundenen Körper verzehren. – Der Philosoph aus Nola wird der letzte bei lebendigem Leib verbrannte Ketzer sein.

Seitdem ich mich im Rahmen des Romans Relictio mit dem Leben und der Lehre des Nolaners Giordano Bruno beschäftigt habe, ist der 17. Februar für mich ein Tag der Einkehr. Es wäre sicherlich ein fragwürdiges Gebaren, im Andenken an einen auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Ketzer eine Kerze aufzustellen. Ich belasse es bei der Erinnerung an seine Schriften und Gedanken über Metaphysik und Logik.

Der naturphilosophische Ansatz Giordano Brunos, Gott – sprich der Ursprung allen Seins oder das Eine, wie Bruno ihn nennt – sei in jedem Teil der Schöpfung präsent, klingt selbst für Atheisten nachvollziehbar, ersetzt man Gott oder das Eine schlicht mit dem Begriff Energie.

Unter Wissenschaftlern besteht heutzutage größtenteils Konsens darüber, das Universum sei mittels eines Urknalls entstanden. Aber wurde es erschaffen? Ich bin nicht ungeneigt, der altertümlich anmutenden Wortwahl zuzustimmen, denn die Entstehung und Entwicklung des Universums unterliegt universellen physikalischen Regeln, die bereits im Moment des Urknalls bestand haben und dem Universum eine sonst wie geartete Form und Struktur vorgeben.

Noch nachvollziehbar wird dieser Gedanke anhand der Theorie des Quantum Bounce: Das Universum dehnt sich zunächst aus, zieht sich dann wieder zusammen, komprimiert alle Materie in einem Punkt, um dann, ab einer maximalen Dichte, wieder auseinanderzustreben. Diese Theorie eines sich stetig wiederholenden Urknalls impliziert, dass die physikalischen Regeln, denen sowohl das vergangene als auch das neue Universum unterliegen, unverändert bleiben. Ein aus einem Ursprung oder dem Einen entstehendes Universum wird also nach dessen Vorgaben geformt. Nichts anderes sagt Giordano Bruno über die Formgebung der Materie.

Liest man Giordano Brunos Werk De l’infinito universo et mondi (Über das Unendliche, das Universum und die Welten) findet man eine einfache Frage, auf die Urknall und Quantum Bounce nicht zu antworten wissen: Wo befindet sich unser Universum? – Aus diesem einfachen Gedanken leitet Giordano Bruno die Notwendigkeit eines unendlichen Raums ab, der das Potential hat, mit Materie gefüllt zu werden, denn unser Universum kann sich schwerlich im Nichts befinden.

In Relictio werden Aussagen des Philosophen aus Nola in verschiedenster Weise aufgegriffen. Die auf der Zahl Neun basierte Kapitelstruktur des Romans zum Beispiel folgt einem Zusammenspiel aus Dante Alighieris Inferno und Giordano Brunos Ars Memoriae. Ein Protagonist des Romans wiederum fügt den räumlichen Überlegungen des Nolaners die Zeitkomponente hinzu: Was war vor der Entstehung des Universums? – Er findet eine ihn befriedigende Lösung, in dem er jenem Abschnitt des Zahlenstrahls zwischen minus Unendlich und dem ersten Urknall eine Variable zuordnet und diese unbekannte mathematische Größe Gott nennt.

Wir schreiben das 20. Jahrhundert. Europa glimmt. Kulturen zerfließen und vermengen sich. Im kalten Antlitz eines verkohlten Kreuzes werden Andersartige und Andersdenkende gemobbt und eine zweifelhafte Vergangenheit idealisiert, in der selbst ein des Abschlachtens Tausender Protestanten verantwortlicher Bischof zum Papst gemacht und nach seinem Tod heiliggesprochen wurde. Ein Teil der Kirche, in der ich viele Jahre zuvor zu dröhnenden Orgelklängen vor leeren Bänken ministriert habe, ist heute eine Jugendbibliothek. Betrete ich sie, überkommt mich manchmal ein Gefühl der Melancholie. Am 17. Februar aber erscheint mir alles in einem anderen, hell auflodernden Licht der Vorhersehung: „Wohl zittert ihr, da ihr das Urteil über mich sprecht, mehr als ich, der es vernimmt.“

 

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